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Eltern

Soziale Netzwerke und Fotos von Kindern

Für soziale Netzwerke wie Facebook und die Veröffentlichung von Kinderfotos bedeutet dies:Was einmal im Netz ist, kann nicht wieder zurückgeholt werden!

Software wie der „Digitale Radiergummi“ oder Bilder mit „Ablaufdatum“ klingen vielleicht logisch und interessant, sind aber technisch nicht anderes als Unsinn und als wirkungsloses Placebo zudem Zeit- und Ressourcenverschwendung. Es ist technisch nicht machbar, digitale Bilder „zurückzuholen“ wie ein Polaroid vom schwarzen Brett, dessen Inhalt nur in den Köpfen der wenigen Betrachter existiert. Datensparsamkeit muß somit viel stärker beachtet werden. Vor einer Veröffentlichung besonders sensibler Bilder – und das sind ausnahmslos alle Kinderfotos, weil das Kind selbst noch keine sinnvolle Entscheidung treffen kann und die Eltern hier entsprechend gefordert sind – muß man sich umfassend informieren:

♦ Was ist der Zweck des Hochladens?
♦ Wer soll dieses Bild überhaupt sehen – und wer nicht?
♦ Wenn ich es jetzt und hier poste, welchen Bedingungen unterwerfe ich mich, wie viel Kontrolle habe ich?
♦ Verstehe ich all diese Bedingungen? Verstehe ich meine Kontrollmöglichkeiten?
♦ Bin ich nun in der Lage, hier eine sichere Entscheidung zu treffen, mich guten Gewissens dafür oder dagegen zu entscheiden?
♦ Oder gibt es sozialen Druck: weil alle mitmachen, ich nicht außen vor bleiben will oder ich schon zugesagt habe, ohne mich vorher ausführlich zu informieren?
♦ Oder gibt es andere Herausforderungen, die mich beeinflussen?
♦ Gibt es Alternativen zum bisherigen Vorhaben?
♦ Wie kann ich die mir aufscheinenden Risiken minimieren oder gar ganz ausschließen?

Im Zweifel plädiere ich stets für die Lösung, die dem einzelnen User (und ggf. seiner „Zielgruppe“, also Verwandten, Freunden, etc.) die meiste Kontrolle läßt. So ist beispielsweise in wenigen Minuten (und für nur wenige Euro pro Jahr) eine eigene Website aufgesetzt, zusammen mit einem einfach zu verstehenden und zu bedienenden Content-Management-System wie WordPress, in Deutschland verortet und mit deutschen Datenschutz- und Vertragsbestimmungen, was einem User ungleich mehr Möglichkeiten bietet, z.B. einen passwortgeschützten Bereich, den nur enge Verwandte einsehen können. Hier sitzt kein Dienstleister wie eine Spinne im Netz und nutzt die eintrudelnden Daten z.B. für eigene Firmenwerbung. Datenmißbrauch fällt so deutlich schwerer. Der Arbeitsaufwand ist zudem überschaubar und lohnt sich auch langfristig.
Facebook und Co. sind natürlich schön einfach – sonst würde man ja auch keine User anlocken, sondern abschrecken.

Aber hier gilt der alte Slogan: Wenn Sie nichts dafür bezahlen, sind Sie kein Kunde, sondern das Produkt! Das vermeiden Sie z.B. mit einer eigenen Website, auf die auch im eigenen Facebookprofil mit einem Textlink hingewiesen werden kann – ohne nennenswerte Komforteinbußen. Nutzen Sie Facebook und Co. viel stärker in Ihrem eigenen Sinne, als Werbeplattform, deren Inhalte Sie bestimmen. Verweisen Sie auf Ihre Website und machen Sie diese zu ihrem Dreh- und Angelpunkt im Netz, nicht einen fremden Anbieter.Kinderfotos sind aus zahlreichen Gründen besonders sensible Daten, und das nicht nur in Hinblick auf ihre potentielle Nutzung durch Pädophile. Nicht selten wird die Verbindung zwischen sozialen Netzwerken und Pädophilie als Alarmismus oder Randerscheinung abgetan, doch schon die ersten Recherchen z.B. bei Wikipedia sollten Eltern erkennen lassen, daß hier durchaus eine nicht ganz unbedeutende Verbindung existiert:„In einer Studie gaben 86,1 % der Teilnehmer an, Bildmaterial aus dem legalen und/oder illegalen Bereich zu nutzen.“ (1)
„Davison und Neale betonen, dass zur sexuellen Stimulation nicht zwangsläufig illegales Material nötig sei, vielmehr konstruieren Pädophile ihr eigenes sexuell erregendes Material aus Quellen, die allgemein als harmlos angesehen werden,wie z. B. Kinderbildern aus Versandhauskatalogen.“ (2)
Grundsätzlich halte ich die Digitalisierung für etwas weit überwiegend Positives und ich sehe die Freiheit des Individuums im Netz als ein sehr hohes Gut an, welche so weit wie möglich geschützt und keinesfalls unnötig eingeschränkt werden darf. Doch mit Freiheit geht bekanntlich Verantwortung einher. Wenn jemand vermeintlich harmlose Nacktfotos seiner am Strand spielenden Kinder bei Facebook veröffentlicht und das Profil samt Fotos z.B. durch simple Freundschaftsanfragen auch grundsätzlich völlig unbekannter Menschen zugänglich ist (3), stellt sich schnell die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens und ob hier nicht mehr Schaden als Nutzen entsteht. Hier helfen aber weder Verbote noch technische Placebolösungen, sondern hier ist vor allem die Verantwortung des Einzelnen gefragt.
Selbstverständlich gilt hier dieselbe Grundregel wie zuvor erwähnt: was einmal draußen ist, ist draußen. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, daß jedes Strandbild eines planschenden Kindes direkt auf einem Pädophilen-PC landet – dieses Risiko ist und bleibt glücklicherweise eher gering. Doch meine Arbeitshypothese wäre im Falle einer Studie zu diesem Phänomen folgende: würde sich ein Mann mit Fotoapparat einem FKK-Strand nähern und dort spielende Kinder ablichten, würden die Eltern bei Entdeckung dieses Vorgehens zeitnah einschreiten. Daß mit viel weniger Aufwand und einem höheren Grad an Anonymität entsprechende Bilder digital „geerntet“ werden und Interessierte so deutlich erfolgreicher und umfangreicher vorgehen können, dürfte den meisten Eltern jedoch nicht in demselben Maße aufscheinen und demzufolge auch kein entsprechendes Einschreiten zur Folge haben. (Und da ein nachträgliches Einschreiten aus den genannten technischen Gründen nicht möglich erscheint, bleibt letztlich nur das Agieren vor einer Veröffentlichung.)
Nun kann (und soll) man Kinder nicht vor der Welt verstecken oder gar „in Watte packen“, doch im Unterschied zu Erwachsenen sind Kinder nun mal unmündig. Ein erwachsenes Unterwäschemodel kann, so die gängige Annahme, sich über die Konsequenzen seines Tuns – auch die vielleicht weniger schönen, nichtintendierten Folgen – informieren und eine ausgewogene Entscheidung treffen, ein Kind kann dies nicht. Es wird bei jeder Fotoveröffentlichung im digitalen Raum ungefragt zum „Model“. Dabei steht keinesfalls fest, daß sich das Kind später über diese Fotos freuen oder zumindest eine neutrale Haltung dazu einnehmen wird. Es dürfte, so meine These an dieser Stelle, einen signifikanten Unterschied ausmachen, ob man in der Jugend mit wenig erfreulichen Bildern aus der Kindheit konfrontiert wird und dazu die Information erhält, daß auch ein, zwei Tanten und Onkel hier einmal kurz drauf schauen und lachen durften oder ob zahllose Internetsurfer aus aller Welt diesen Schnappschuß auf ihrem heimischen Rechner oder ihrem Smartphone gespeichert haben und man nicht sagen kann, was mit dem Bild seitdem passiert ist.
Es muß also gar nicht der Worst Case, das Auftauchen von Kinderbildern auf einem Pädophilen-PC, eintreten. Es ist aus psychologischer Sicht schon schwierig genug, vermeintlich harmlose Kinderbilder der ganzen Welt (oder einem Unternehmen) zur Verfügung zu stellen und so die Kontrolle darüber zu verlieren. Papierfotos hätte man vor 20 Jahren wohl auch nicht so ohne weiteres einem Unternehmen zur freien Verwendung überlassen – warum hier also anders vorgehen?

Die Thematik der Veröffentlichung von Kinderfotos ist schon schwierig genug, noch schwieriger wird es allerdings, wenn Kinder eigene Profile bei Facebook oder anderen Anbietern bekommen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit des Profils an sich (es wird jedem klar sein, daß sich hier die Eltern bzw. Sorgerechtsinhaber dahinter verbergen und nicht das Kind selbst, was bedeutet, daß man auch nicht das Kind mit seiner digitalen Präsenz „erlebt“, sondern die Ideen der Eltern wiederfindet): die Eltern übernehmen nicht weniger als die komplette Verantwortung für die digitale Identitätsarbeit des Kindes. Das Kind wird im Laufe seines Lebens somit weniger selbstbestimmt an Digitalisierung und Internet herangeführt, sondern muß sich ab einem bestimmten Zeitpunkt (spätestens, wenn es sich eigene Gedanken zur Internetnutzung und dortigen Identitätsgestaltung macht) zusätzlich Gedanken um seine bisher massiv fremdbestimmte Identitätsarbeit im digitalen Raum machen. Anders als bei den Fotos aus Papier im Fotoalbum, die physisch belegen, daß sie aus Alters- und Entwicklungsgründen nicht vom Kind angefertigt, arrangiert, kommentiert und präsentiert worden sein können und die Fremdbestimmtheit hier unzweideutig erkennbar sein dürfte, ist dies bei einer Onlineidentität in einem sozialen Netzwerk deutlich schwieriger zu bewerkstelligen, weil nicht nur technische Gründe eine Rolle spielen, sondern auch erneut die Frage der Kontrolle sowie die Abstraktions- und Imaginationskompetenz der Rezipienten: Was sehen sie in diesem Profil, was schlußfolgern sie? Wer garantiert, daß Facebook auch in zehn Jahren noch den gewohnten Zugriff auf das Profil gewährt? Und daß sich die Gesetze, denen Facebook folgt, nicht zum Nachteil der User ändern? Welche Vernetzungen mit anderen Services werden noch erfolgen? Die Facebook-Gesichtserkennung hat eindrucksvoll gezeigt, was im Hintergrund passieren und wie wenig man dagegen machen kann. Identitätsmanagement ist jedoch der Schlüssel zum individuellen Verständnis von Digitalisierung und sollte deshalb nicht unterschätzt werden. Es geht um mehr als nur eine Profilseite bei Facebook – es geht um die eigene Identität, das Selbst, das Individuum in seinem tiefsten Innern.

Selbstverständlich gilt die umfangreiche digitale Verantwortung nicht nur für die eigenen Kinder, sondern auch für Kinder, die zu Besuch oder aus anderen Gründen zugegen sind, z.B. im Kindergarten oder in der Schule. Grundsätzlich sind die rechtlichen Regelungen – bspw. das Recht am eigenen Bild – hier eindeutig, aber: vertrauen Sie nicht nur auf Recht und Gesetz! Elementare Grundlagen der Digitalisierung wie die weltweite Vernetzung und das hohe Entwicklungstempo setzen dem Recht mit Leichtigkeit Grenzen. Zudem hinken zahlreiche gesetzliche Regelungen systembedingt permanent hinterher. Und das wird sich in Zukunft kaum ändern, da es nicht nur hochgradig unwahrscheinlich erscheint, einen weltweiten Rechtsraum mit entsprechenden Auswirkungen auf das Internet zu erhalten, sondern letztlich auch neue Entwicklungen vielfach noch gar nicht absehbar sind. Anbieter wie Facebook hören zwar auch immer wieder mal auf die Stimme der Masse und handhaben Features wie Gesichtserkennung vorsichtiger als es technisch oder aus Marketinggesichtspunkten notwendig wäre, doch auch dies ist ein Entgegenkommen, das einseitig aufgekündigt und auch nicht erzwungen werden kann. Setzen Sie deshalb auch nicht Ihr ganzes Vertrauen auf Privatsphäreeinstellungen oder die Integrität der Server von Facebook und Co. Hacker (4) werden sich für Ihre persönlichen Absichten kaum interessieren und Daten im Falle eines Falles trotzdem im eigenen Sinne nutzen.
Säubern Sie alle Bilder vor dem Hochladen von Detailinformationen technischer Art
. So können JPEGs mit Tools wie „ JPEG & PNG Stripper“ (5) von Zusatzinformationen gereinigt werden, die zur Identifikation von Personen beitragen können. Hier wird deutlich, daß technische Maßnahmen allein nicht ausreichen, sie als Teil eines ganzheitlichen Konzepts dem User aber dienlich sein können.